Timon Ensink, Nastja Stoll, Tim Hartmann, Steffen Patz, Magdalene Maaß und Hans Pflüger haben sich nach dem Abitur für ein Freiwilliges Jahr in der Wissenschaft (FWJ) entschieden.
Seit inzwischen 10 Monaten arbeiten sie im Produktionstechnischen Zentrum Hannover (PZH) der Leibniz Universität Hannover an drei verschiedenen Instituten, nämlich am IMPT – Institut für Mikroproduktionstechnik, am ITA – Institut für Transport- und Automatisierungstechnik beziehungsweise am IKK – Institut für Kunststoff- und Kreislauftechnik. Kurz vor Ende des FWJ ziehen sie Bilanz, sprechen über die schönen und herausfordernden Seiten der Arbeit und darüber, was sie persönlich gelernt haben.
Warum ein Freiwilliges Jahr in der Wissenschaft (FWJ) absolvieren?
Orientierung bei der Studienwahl, wertvolle Praxiserfahrung oder ein bewusst gewähltes Gap Year nach der Schulzeit – das erhofften sich die Abiturient*innen, die 2025 ihr FWJ begonnen haben. „Ich war mir nicht sicher, was ich studieren wollte“, sagt Timon Ensink, der sein FWJ momentan am IKK – Institut für Kunststoff- und Kreislauftechnik im Bereich Materialprüfung absolviert. Sicher war nur: „Ich hatte Interesse an Forschung.“
Steffen Patz sagt, er habe sich für ein FWJ „als Orientierungshilfe“ entschieden. „Ich wusste, dass es in die Richtung von Automatisierung und Optimierung gehen soll – aber ich war mir unsicher, ob es E-Technik, Mechatronik, Maschinenbau oder Informatik sein soll“, erzählt er. Auch über ein Physikstudium habe er nachgedacht. Um hier Klarheit zu finden, absolviert er seit 2025 ein FWJ am ITA – Institut für Transport- und Automatisierungstechnik.
Nastja Stoll hatte zwar eine konkrete Vorstellung von ihrem Studienwunsch, fühlte sich aber noch nicht bereit, direkt zu starten. Auf der IdeenExpo in Hannover wurde sie auf die Möglichkeit aufmerksam, ein FWJ am IMPT – Institut für Mikroproduktionstechnik zu absolvieren. „Überzeugt hat mich vor allem der Bezug zu meinem Interesse an der Quantenphysik, der Lehre von den kleinsten Teilchen und deren Wechselwirkungen“, erzählt Nastja Stoll. Weil das FWJ ähnlich aufgebaut ist wie ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), aber mit wissenschaftlichem Fokus, sah sie darin „die perfekte Chance für ein Gap Year, um mich vom Schulalltag zu erholen, meine Studienwahl zu validieren und gegebenenfalls passendere Alternativen zu finden.“
Hans Pflüger absolviert sein FWJ ebenfalls am IMPT. „Für mich als naturwissenschaftlich interessierten Menschen bot das FWJ eine super Möglichkeit, bereits vor einem möglichen Studium Erfahrungen in der wissenschaftlichen Praxis zu sammeln“, sagt er. „Irgendwann mal in der Forschung zu arbeiten, konnte ich mir bereits vor dem FWJ vorstellen. Und mit den Erfahrungen, die ich jetzt gesammelt habe, erst recht. Für mich stellt sich Forschung nicht nur als cooles Arbeitsumfeld, sondern auch als gesellschaftlich sehr relevant heraus.“
Magdalene Maaß war schon beim Vorstellungsgespräch begeistert davon, was sie am IMPT zu sehen bekam: „Von den Anlagen, dem Reinraum, den Diamantbeschichtungen, den Mikroskopen und weiterem, woran hier am Institut geforscht wird“, schwärmt sie. „Außerdem schien mir die Atmosphäre hier entspannt und nett.“
Was sind die Aufgaben im Freiwilligen Jahr in der Wissenschaft?
Welche Aufgaben zum FWJ gehören, ist sehr unterschiedlich – je nach Institut und Projekt. Tim Hartmann durfte am IMPT beispielsweise an einer Vakuumkammer mitarbeiten. „Wir haben lange an der Dichtung gearbeitet und ich habe einige Zeit mit der Prozessoptimierung verbracht“, erzählt er. Der schönste Moment in seinem FWJ sei der abschließende Test gewesen – mit dem Ergebnis: „Ja, die Kammer ist dicht!“
Steffen Patz war beim Programmieren und Konstruieren im Flow, und Timon Ensink erzählt, dass er in der Materialprüfung am IKK eine Zeit lang sehr viele Prüfkörper mikroskopieren sollte. „Da musste ich pro Körper 12 bis 40 Fotos machen. Dabei verging die Zeit ziemlich schnell“, berichtet er. „Ich hatte währenddessen auch noch andere Aufgaben, die etwas aufregender und anspruchsvoller waren, aber das Mikroskopieren war eigentlich ziemlich entspannend.“
Nicht alle finden solche repetitiven Aufgaben entspannend. Nastja Stoll erzählt, die undankbarste Aufgabe am IMPT sei die Reinigung der Glaschips gewesen: „Man verbringt den ganzen Tag im Stehen unter einem engen Abzug, trägt den Ganzkörper-Reinraumanzug und kämpft gegen die Lautstärke der Lüftungsanlagen. Die Chips sind winzig und so unhandlich, dass man selbst nach dem dritten Durchgang noch hartnäckige Ätzreste findet. Wenn man nach acht Stunden Konzentration im Reinraum 50 Stück gereinigt hat und sie immer noch nicht perfekt sind, ist das mental sehr fordernd.“
Was lernen Abiturient*innen während des Freiwilligen Jahres in der Wissenschaft?
Für Magdalene Maaß war der Start ins FWJ herausfordernd: „Am Anfang konnte ich nicht so viel machen, außer zu lesen, da die Einarbeitung in einige Anlagen bei mir erst spät kam“, erzählt sie. Auch später im FWJ hatte sie häufig nicht genug Aufgaben.
Gelernt hat sie trotzdem viel: „Ich habe gelernt, verschiedenste Anlagen zu bedienen, mit Sorgfalt und Vorsicht zu arbeiten, aber ich habe auch einen Eindruck davon bekommen, wie Forschung funktioniert“, erzählt sie. In der Forschung müsse man immer damit rechnen, „dass bei einem Versuch etwas – oder auch alles – schiefläuft und man dann rausfinden muss, woran das lag“, berichtet Magdalene Maaß. „Das kann teils sehr lange dauern. Deshalb heißen sie auch Versuche.“
Nastja Stoll sagt, sie habe vor allem gelernt, „wie essenziell eine systematische Datensammlung und das Erstellen einer fundierten Datenbasis in Excel sind. Besonders wichtig ist dabei die Strukturierung und Benennung von Dateien, um Informationen schnellstmöglich auffinden zu können. Diese neue Disziplin in Bezug auf Ordnung und Struktur wende ich mittlerweile auch privat an: Mein PC ist durch sinnvoll angelegte Ordnerstrukturen organisiert und ich nutze regelmäßig Listen zur Selbstorganisation. Das Wissen um effizientes Datenmanagement ist für mich eine der wertvollsten Vorbereitungen auf mein Studium.“
Steffen Patz hat in seinem FWJ am ITA unter anderem Programmieren und Konstruieren gelernt, aber auch viel über Künstliche Intelligenz (KI). Zudem hat er einen groben Überblick über das Studium erhalten – inklusive Vorlesungen. Und Timon Ensink erzählt: „Ich habe während des FWJ gelernt, wie man in einem professionell organisierten Team produktiv arbeitet. Das hat mir echt geholfen.“
Bereitet das Freiwillige Jahr in der Wissenschaft auf das Studium vor?
Vorbereitung aufs Studium ist eines der Hauptziele des FWJ. Dafür gibt es ein Rahmenprogramm, das Hans Pflüger lobend hervorhebt: „Zum einen gibt es Seminare, an welchen man teilnehmen muss. Hier lernt man Ansprechpartner, andere Bereiche und Institute sowie andere FWJler kennen. So sieht man nochmal sehr viel mehr als nur das eigene Arbeitsumfeld. Zum anderen gibt es die Möglichkeit, im Rahmen des JuniorStudiums einige Vorlesungen an der Leibniz Universität Hannover zu besuchen, wenn man da Lust darauf hat. Es gibt einem die Möglichkeit, in verschiedene Studiengänge hineinzuschnuppern und ein bisschen den Sinn für das Unileben zu bekommen.“
Hauptsächlich vermittelt das FWJ aber einen Einblick, wie der Arbeitsalltag in der Forschung tatsächlich aussieht. Nicht alles entspricht der Vorstellung, die die FWJler*innen vorher hatten. „Dass Wissenschaftler extrem gefordert sind und hochkomplexe Aufgaben lösen müssen, hat sich voll bestätigt“, erzählt Nastja Stoll. „Was mich jedoch völlig überrascht hat, war die ausgeprägte Menschlichkeit im Institutsalltag. Ich hatte ein eher ‚verkopftes‘ Bild, doch die Realität ist geprägt von Humor und einem starken Miteinander. Ob Geburtstage, Verabschiedungen oder Instituts-Erfolge: Es wird kein Aufwand gescheut, um gemeinsam zu feiern. Dass der Zusammenhalt so großgeschrieben wird und jeder jeden unterstützt, war für mich eine neue, sehr positive Perspektive. Dieser Ausgleich durch das Team macht die anstrengende Arbeit erst handhabbar und zeigt, dass Spitzenforschung und eine herzliche Vereinskultur Hand in Hand gehen können.“
Gibt das FWJ Orientierung bei der Studien- und Berufswahl?
Welches Studienfach und welcher Beruf passt zu mir? Bei dieser Frage gibt das FWJ viel Orientierung – und führt nicht selten dazu, dass der ursprüngliche Studienwunsch noch einmal hinterfragt wird.
„Während ich zu Beginn des FWJ noch Physik studieren wollte, hat mich das Jahr zur Mechatronik geführt“, sagt Nastja Stoll. „Dieses Studium kombiniert meine Interessen an Physik, Elektrotechnik, Informatik und Mechanik perfekt. Mein Kindheitswunsch war es schon immer, eigene Systeme zu konstruieren. Dank der im FWJ erlernten Fähigkeiten starte ich nun voller Zuversicht in das Studium, um meinem Ziel, eigene technische Innovationen zu entwickeln, näher zu kommen.“
Steffen Patz hat sich durch sein FWJ am ITA letztlich für ein Mechatronikstudium entschieden, Tim Hartmann will Nanotechnologie studieren „und wenn möglich als studentische Hilfskraft am IMPT weiterarbeiten“.
Timon Ensink konnte sich nach dem Abitur noch nicht entscheiden, ob er studieren oder eine Ausbildung absolvieren möchte – inzwischen hat er sich für ein Studium entschieden. „Das FWJ hat mir sehr bei der Entscheidung geholfen, da ich vorher keinen Einblick in jegliche Forschungsarbeit hatte“, sagt er.
Auch Magdalene Maaß hat das FWJ geholfen, sich für ein Studium zu entscheiden. „Es hat mich sogar noch mal in eine etwas andere Richtung gebracht. Nach der Schule hatte ich überlegt, Chemie zu studieren, aber habe mich später für Maschinenbau entschieden. Das liegt daran, dass viele Wissenschaftler*innen hier am Institut etwas in der Richtung studiert haben und ich sie darüber ausfragen konnte“, erzählt sie.
Auch Tim Hartmann hat dank des FWJ seine Studienwahl noch einmal überdacht. „In meiner Schulzeit hatte ich immer mehr Spaß an theoretischen Aufgaben als daran, Dinge tatsächlich praktisch durchzuführen“, erzählt er. „In meinem FWJ habe ich dann an der Laborarbeit deutlich mehr Spaß gefunden als an der Computerarbeit. Somit hat mir das FWJ gezeigt, dass der Ingenieursbereich eher etwas für mich ist als beispielsweise ein Mathematik-Studium, das ich vorher in Erwägung gezogen habe.“
Für wen ist ein Freiwilliges Jahr in der Wissenschaft zu empfehlen?
Hans Pflüger möchte nach seinem FWJ Physik studieren. Er empfiehlt das FWJ allen weiter, „die an Forschung interessiert sind und selbst gerne mal aktiv am Forschen beteiligt sein wollen. Man bekommt nicht nur einen tollen Einblick in die Welt der Forschung und beteiligt sich aktiv daran, neues Wissen zu schaffen. Es hilft auch dabei, herauszufinden, welcher Weg der richtige für einen ist.“ Das gilt laut Hans Pflüger nicht nur für das FWJ, sondern für jegliche Freiwilligendienste: „Egal in welchem Bereich absolviert man praktische, bedeutungsvolle Arbeit, die mehr als nur einen selbst weiterbringt“, sagt er.
Timon Ensink kann das FWJ allen empfehlen, die nach dem Abitur nicht wissen, ob oder was sie studieren wollen. „Das FWJ gibt einem mehr Zeit, sich zu entscheiden“, sagt er. „Außerdem eignet sich das FWJ dafür, einen Einblick in den Arbeitsalltag in der Forschung zu gewinnen“. Steffen Patz ergänzt: „Das FWJ ist besonders geeignet für die, die bereits eine erste Richtungsorientierung besitzen, aber durch praktische Erfahrungen zusätzliche Entscheidungsvariablen für ihren weiteren Karrierepfad sammeln möchten.“ Das FWJ böte zudem die Möglichkeit, „ein starkes Netzwerk aufzubauen und durch vielfältige Einblicke den eigenen Erfahrungsspeicher sowie die persönliche Wissensdatenbank zu erweitern.“
„Bevor man sich für ein FWJ entscheidet, sollte man sich einiger Dinge bewusst sein“, gibt Tim Hartmann zu bedenken. „Erstens: Man arbeitet einen Vollzeitjob. Entsprechend sollte man sich sicher sein, dass einen das gewählte Projekt wirklich interessiert, da man sehr viel Zeit damit verbringen wird. Zweitens: Man verbringt sehr viel Zeit mit eigenständigem Arbeiten. Drittens: Man arbeitet in der Forschung, entsprechend wird man von Zeit zu Zeit vor Herausforderungen stehen, deren Lösung man noch nicht kennt. Man sollte also in der Lage sein, kreative Lösungsansätze zu entwickeln. Außerdem wird nicht immer alles funktionieren, was man macht – das ist völlig normal, aber man sollte damit umgehen können, Dinge nicht zu schaffen. Viertens: Man wird von Zeit zu Zeit kompliziertere Prozesse durchführen müssen. Das kann erst einmal überfordernd sein – aber man sollte sich trotzdem zutrauen, es zu probieren. Es ist in der Regel nicht schlimm, wenn es nicht direkt funktioniert. Fünftens: Man wird sich von Zeit zu Zeit ein wenig langweilen. Manchmal ist wenig zu tun. Außerdem gehört zu den Aufgaben, mit denen man sich beschäftigen muss, auch Literaturrecherche, die teilweise eher langweilig sein kann“, so Tim Hartmann. Letzteres bestätigt auch Magdalene Maaß: „Es besteht das Risiko, im FWJ nicht genug zu tun zu haben und trotzdem Vollzeit dort bleiben zu müssen“, sagt sie.
„Wenn einem all diese Dinge bewusst sind und man damit umgehen kann, dann denke ich, dass das FWJ eine sehr coole Erfahrung ist, die einem viel bringen kann“, lautet das Fazit von Tim Hartmann.
Wie kann man sich für ein FWJ bewerben?
Wer sich für ein Freiwilliges Jahr in der Wissenschaft interessiert, findet Informationen zu Rahmenbedingungen, Projekten und Bewerbung bei der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Das FWJ richtet sich grundsätzlich an volljährige Abiturient*innen, die sich für ein Studium oder eine Ausbildung im naturwissenschaftlichen Bereich interessieren. Es dauert in der Regel zwölf zusammenhängende Monate und beginnt planmäßig am 1. August, 15. August oder 1. September.
Weitere Informationen und den Link zum Bewerbungsportal gibt es unter https://www.mhh.de/gb-i/freiwilligendienste/fwj





